|
Im 2. Teil des Buches geht es um die Avadhuta Gita. Sie ist eine nur wenigen Menschen bekannte Gita, die frei von mystischem Brimborium und unsinnigen Metaphern ist. In ihren Aussagen kommt sie dem Destillat der Advaita-Vedanta gleich. Kurz, prägnant und überaus erhellend! Hier findest Du das Wesentliche der Avadhuta Gita ins Deutsche übersetzt und teilweise kommentiert.
Einleitung zum 2. Teil des Buches (Seiten 112 - 187)
Avadhuta Gita
Die Avadhuta Gita (Der Gesang einer befreiten Seele) kommt dir näher als nah. Sie hebt dich immer wieder zur höchstmöglichen Realität an, so lange, bis du die Wirklichkeit – und damit dich selbst – frei von Überlagerungen und Zweifeln annimmst und damit wirst, was du bist.
Der „Avadhuta“ ist die befreite Seele, der nichts Weltliches mehr anhaftet, obwohl sie sich in der Welt bewegt. Die befreite Seele befindet sich in einem „Zustand“, der auch das umfasst, was sich zu widersprechen scheint.
Statt Verzicht und Entsagung zu predigen, weist die Avadhuta Gita auf den Zustand hin, der weder durch Anhaftung noch durch die Loslösung von Anhaftung beschrieben werden kann. Eine solchermaßen befreite Seele folgt keinen Regeln mehr. Sie sucht nicht(s) und vermeidet nicht(s). Sie weiß nicht und ist doch nicht unwissend. Indem sie sich als deckungsgleich mit der Unendlichkeit erkennt, lebt sie in dieser strahlend klaren Realisation. Hier gibt es niemanden mehr, der sich mit dem „Licht des Lebens“ oder einem seiner Schattenbilder in Konflikt befindet.
Die Avadhuta Gita spricht dich in der höchsten Form als formlos und identisch mit Brahman an. Atman, das Höchste in dir, ist als individuelle Ausformung des Absoluten (Brahman) frei von dir, so wie du dich kennst. Zwischen dir in deiner höchsten Form und dem allem zu Grunde liegenden formlosen Absoluten wird an dieser Stelle nicht mehr unterschieden, weil dich die alles unterscheidenden Gedanken jetzt nicht mehr binden können. So kann sich die Formlosigkeit selbst in Form aller Formen erscheinen, ohne sich dabei „an etwas“ zu verlieren. Der Avadhuta besingt in dieser Gita, dass sich nichts vom Heiligsten unterscheiden lässt. Egal, wie oder als was es erscheint! Damit lässt Dattatreya, dem die Avadhuta Gita zugeschrieben wird, auch den scheinbaren Widerspruch zwischen Dualität und Nondualität hinter sich. Er selbst erkennt sich als die göttliche Wirklichkeit, die sich durch das „Ich“ offenbart.
Brahman spiegelt sich in Atman als Sein. „Ich bin.“ Worin sich Brahman auch spiegelt, ständig trifft er auf sich selbst. „Ich bin“ ist überall. Nirgendwo ist Brahman nicht zu finden. Deshalb kann er sich nicht selbst erkennen. Er ist – und weiß doch nicht, was das heißt. Weil er alles ist, kann er sich auch nicht wiedererkennen. Aber Atman, das Höchste in dir, kann sich als Brahman gleich erkennen. „Das bin ja ich!“ – In diesem hellen Licht bin ich all-ein. Ich sehe mich (als) vollkommen und kann mich nicht mehr in die Grenzen hineinsehen, an die ich Zeit meines Lebens geglaubt habe.
Auch wenn die Avadhuta Gita, die einem Destillat der Advaita-Vedanta gleichkommt und von Dattatreya etwa 1000 – 500 v. Chr. verfasst worden sein soll, indischer Herkunft ist, ist sie für alle, die die Widersprüchlichkeit, die im – und als das(!) – eigene(n) Leben erfahren wird, nicht weiter leugnen und mit billigen Lösungen zudecken wollen, überaus relevant. Für mich ist sie keine philosophische Abhandlung, die sich der Transzendenz nähern will, sondern Transzendenz selbst.
Obwohl der Gesang dieser Gita hymnisch klingt, ist er keine Hymne, sondern der Gesang desjenigen, der sich selbst vollkommen durchdrungen und als das erkannt hat, was ist (nicht: was er ist!).
„Höheres Selbst“, „niederes Selbst“, „Atman“, „Brahman“, „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ – diese Unterscheidungen ergeben hier keinen Sinn mehr. „Ich“ ist „ich“ – ob groß oder klein geschrieben, ob identifiziert oder frei von Identifikation. Alles ist einfach – nicht was es ist – sondern einfach.
Vorhin sagte ich, dass die Avadhuta Gita dich immer wieder zur höchsten Realität anheben möchte. Zu dir, so, wie du frei von dir bist. Dieser (scheinbare) Widerspruch lässt sich auf der Ebene von Worten und Gedanken nicht auflösen, weil Worte und Gedanken die Erscheinungen in uns sind, die alle Widersprüche hervorrufen! Jenseits von Gedanken ist alles vollkommen klar. So klar, dass es niemanden gibt, der auf die Idee kommen könnte, verwirrt, unfrei oder auf der Suche zu sein.
In diesem Sinne versuchen die hier aufgeschriebenen Worte von solchen Worten zu befreien, die uns glauben lassen, dass das Trennende eine eigene Wirklichkeit besitzt.
|